Ein Antlitz von Alfred Polgar

So rollt das Leben zwischen Aufgang und Untergang, oft wird es Tag, oft wieder Nacht, und manchmal ist es auch am Tage finster oder hell in Nächten, und viele Gesichter drücken ihre Spur in die registrierende Schicht deines Hirns, die bald so aussieht wie altes Löschpapier, bedeckt mit tausend Linien, Zeichen und Kleksen.
  Aber plötzlich wirft der launenhafte Stern, der dir leuchtet und deinen Weg bestimmt, seinen Strahl über ein Antlitz ... und du weißt sofort, daß dies ein astronomischer Wink ist, dem du folgen mußt und wirst; auch wenn er dich ins Unglück führt.
   So wohl tut das Antlitz deinem Blick wie Ozon deinen Lungen. Und wie dein Gefühl es greift und in sich zieht, spürst du Verwandlung. Deine Beziehungen zur Schöpfung und zum Schöpfer nehmen eine radikale Wendung ins Freundliche. Neue Lebensmusik klingt. Leicht wiegen all' deine Ketten, scheinen mehr Schmuck als Last.
  Und wenn das nicht der Alkohol ist, mein Freund, dann ist es die Liebe.
   Vor diesem Antlitz springen alle Türen deiner Seele auf: es tritt ein und nimmt Besitz. Tief ritzt es seine Züge in das wehrlose Herz, jedes Blutkörperchen, das durchrollt, wird so geprägt, nimmt das Zeichen ab, trägt es überallhin durch die weite, enge Welt, die du bist.
  Das Leben hat ein Gesicht bekommen: dieses.
  Schmerz und Freude erscheinen nun in dieser Maske. In dieses Auge blickst du, blickst du dem Schicksal ins Auge. Alle Fäden, die dein Traum von Glück spinnt, weben das Antlitz. Unabweisbar bestimmt es deine Pläne und Wünsche, Hoffnungen und Befürchtungen.
   Es ist dir, was der Kerze die Flamme ist, durch die sie lebt und an der sie stirbt. Es verursacht dir Schmerz, für den es kein Heilmittel gibt, als immer wieder ihn selbst.
  Da gibt es nichts als Abwarten. Bis der Strahl des Sterns, der dir den Wegweiser abgibt, wieder fortwandert von dem Antlitz und ins Leere fällt. Der Tag, an dem dieses geschieht, wird dir Frieden bringen und ein schönes Gefühl der Freiheit und Leichtigkeit, ein Gefühl des Neugeborenseins fast. »Wie wunderbar!« wirst du zu dir sprechen, »meine Liebe, die doch eins war mit mir, ist tot, und ich bin es nicht!«
  Natürlich kann man an derlei verhängnisvollem Antlitz auch zugrundegehen. Aber Statistik und Erfahrung lehren, daß die Chance, es heil zu überstehen, nicht unbeträchtlich ist.

Alfred Polgar (1926 / 1948)